2.6.0.3_0, 2018-06-12 00:06:20

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Die frühen Jahre.

Die frühen Jahre.

Als der Grundstein dafür gelegt wurde, dass dieser Rückblick einmal erscheinen kann, da gab’s mich noch gar nicht. Mein Vater – Horst Streese – war’s, der die Basis dafür schuf.

Mein Vater hat seine ersten Kindheitsjahre in Berlin Schöneberg verbracht, wo er am 28.6.1933 geboren wurde. Sein Vater wurde während des Krieges als vermisst gemeldet und als die Angriffe auf Berlin immer mehr zunahmen, floh seine Mutter mit ihm zu Verwandten nach Pritzwalk. Sie wohnten in der Lindenstraße und erlebten die Explosionskatastrophe am Bahnhof aus nächster Nähe. Ihre Berliner Wohnung fiel den Bomben zum Opfer, sie lag in Schutt und Asche.

Vater war etwa 10, 11 Jahre alt, als er nach Pritzwalk kam. Hier besuchte er dann auch die Schule. Fritze Runge und der spätere Malermeister Gebhard Otte waren damals Klassenkameraden von ihm. Im Jahre 1948 beendete er seine Schulzeit, anschließend begann er fünfzehnjährig bei seinem Onkel – Alfred Rump – eine Lehre zum Stellmacher. Die Werkstatt befand sich in der Bergstraße, ganz oben, zwischen Dachdecker Hildebrandt und ehemaliger BHG.

Damals gab es für die Stellmacher noch mehr als genug zu tun. Viele Autos besaßen Holzkarosserien, und diese waren durch die zurückliegenden Jahre arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Obendrein wurde manches der ohnehin wenigen Fahrzeuge beschlagnahmt und in die Sowjetunion verbracht.

Daher bestand in der Nachkriegszeit ein immenser Reparaturbedarf. Die Werkstätten waren während des Krieges nicht voll besetzt, da die wehrfähigen Männer die Uniform tragen mussten. Was während der Kriegsjahre nicht repariert werden konnte, musste nun nachgeholt werden. Oftmals war es notwendig, ganze Karossen neu zu fertigen.

Und das nicht nur für PKW. Ich erinnere mich, wie Vater mir einst erzählte, dass sie die Fahrerhäuser von zwei „Opel Blitz“ für die Brauerei vollkommen neu aufgebaut haben. Einen davon fuhr Werner Genenz.

Drei Jahre lernte mein Vater das Einmaleins des Stellmachers. Anschließend zog es ihn in die Fremde und er ging nach Remscheid – ein Freund war schon vor ihm dorthin gegangen.

Vater arbeitete in der Firma Bachmann, später erzählte er mir davon, dass er schon kurze Zeit nach der Beendigung seiner Lehre in Pritzwalk sämtliche Holzarbeiten an PKW in Remscheid selbstständig ausführte.

Aber es hielt ihn nicht lange dort, 1955 zog er wieder nach Pritzwalk zurück. Nachdem Alfred Rump noch im gleichen Jahr verstarb, übernahm zunächst Frau Rump die Führung der Stellmacherei. Später bekam Vater die Leitung übertragen. Er war aber „nur“ Geselle und hatte noch keinen Meisterabschluss. Um die Werkstatt in eigener Regie führen zu dürfen, benötigte er deshalb eine Ausnahmegenehmigung durch das städtische Gewerbeamt. Vater bekam sie ohne Probleme, denn der Bedarf an Reparaturleistungen war groß.

Mitte/Ende der Fünfziger und ebenso die sechziger Jahre müssen für meinen Vate eine ganz aufregende Lebensphase gewesen sein. Beruflich war er von Remscheid wieder zurück nach Pritzwalk gewechselt, vom jungen Gesellen zum Betreiber einer eigenen Werkstatt geworden, und dann kam 1956 die Hochzeit mit meiner Mutter Christa. Sie war das jüngste von vier Kindern des Malermeisters Erich Neumann aus Vehlow. Meine Mutter war der Rückhalt der Familie, sie hat meinem Vater durch ihr Tun in Haushalt und Kinderbetreuung, Hof und Garten immer den Rücken frei gehalten.

Im Jahr darauf wurde er zum ersten Mal Vater. Der Tochter Angelika folgte 1958 die Iris. Im dritten Anlauf hat Papa dann einen Jungen geschafft, mich, den Frank. Das war ’61, Jeanette folgte 1965, und nach zwei weiteren Jahren der Mike. Damit war unsere Familie komplett. Eine Familie, die diese Bezeichnung wirklich verdiente, denn der Zusammenhalt zwischen meinen Eltern und uns Kindern war groß.

Trotz der vielen Arbeit erhielten wir Kinder viel Zuwendung durch unsere Eltern. Sehr gern erinnere ich mich zum Beispiel an das Puppenhaus, das Vater in der Vorweihnachtszeit in den frühen Sechzigern für meine Schwestern gebastelt hatte. Es war mehrere Etagen hoch, und hatte alles drin, was sie sich nur wünschen konnten. Wir kamen am Weihnachtsabend aus dem Staunen gar nicht raus. Nun wussten wir, womit unser Vater die langen Abende in der Adventszeit verbracht hatte...

Einen eigenen Betrieb durfte zu jener Zeit in der DDR nur führen, wer einen Meisterlehrgang erfolgreich absolviert hatte. Und so hat Vater, mittendrin im Aufbau der eigenen Familie die Meisterschule besucht. Der Auftrag für sein Meisterstück bestand darin, die Holzkarosserie für einen LKW zu fertigen. Tag und Nacht hat er dran gearbeitet. Auf einer riesigen Zeichenwand wurden die Einzelteile im Verhältnis 1:1 entworfen. Im nächsten Schritt entstanden dann Papp- oder Hartfasermodelle. Diese Schablonen wurden auf das zu verwendende Material übertragen und zugeschnitten. Dies alles geschah in Handarbeit.

Unter den heutigen Verhältnissen hätte eine solche Art der Fertigung keine Chance mehr auf dem Kfz-Markt. Aber es waren eben andere Zeiten und so konnte Vater mit seiner Hände Arbeit unter Beweis stellen, dass er sein Fach wirklich versteht.

Am 15. Juni 1957 absolvierte er die Meisterprüfung in Potsdam erfolgreich und durfte sich fortan „Karosseriebaumeister“ nennen. Der Titel „Meister“ war ihm eigentlich egal, wirklich von Bedeutung war für ihn, dass es ihm nun erlaubt war, eine eigene Werkstatt zu führen.

Als Vater seinen Meisterbrief in der Tasche hatte, überlegte er zunächst für kurze Zeit, ob er nicht weiter studieren und Schiffsbauingenieur werden solle. Dafür hatte er großes Interesse. Diese Idee verwarf er dann aber schnell und konzentrierte nun all seine Kräfte auf die eigene Werkstatt. Mit 8 Beschäftigten haben sie damals begonnen.

Ein paar Namen fallen mir noch ein: Da war Franz Hartwig (er wurde 98 Jahre alt), Heinz Pfeiffer, Alfons Hensel, Wilhelm Böttcher und Willi Richter. Die anderen krieg ich nicht mehr zusammen.

Man kann die Reparatur einer Karosse zum damaligen Zeitpunkt nicht mit heutigen Werkstattabläufen vergleichen. Mitte des vergangenen Jahrhunderts war neben „Geduld und Spucke“ ein hohes Maß handwerklichen Geschicks gefragt. Vom groben Ablauf her gestaltete sich der Reparaturprozess folgendermaßen: Das Fahrgestell wurde geliefert, und hier in der Werkstatt wurde der komplette Busaufbau gefertigt.

Dazu bauten sie damals zunächst ein „Holzgerippe“, dieses wurde beblecht, Elektrik installiert, innen mit farbiger Hartfaser verkleidet, lackiert, die Sitze und der Himmel kamen rein, (die Polsterung kam von Firma Lindstedt), verglast wurde von Franz Pohlmann, und zum Schluss wurde das gute Stück mit Werbung beschriftet. Dann rollte ein „wie neues Fahrzeug“ vom Hof. Es liest sich so schnell, aber all die Arbeiten dauerten ihre Zeit.

Wie gesagt, es gab genug Arbeit. Die meisten Fahrzeuge stammten ja noch aus Kriegszeiten, die einen wurden nur etwas ausgebessert, andere vollkommen umgerüstet.
Militärfahrzeuge, die durch den Krieg beschädigt waren, wurden mit großem Aufwand wieder fahrtüchtig gemacht. So bauten sie z.B. auf VW-Kübelwagen hinten eine Pritsche drauf und das Fahrzeug erfüllte wieder seinen guten Zweck. Manchem der Älteren unter uns ist bestimmt auch noch der F8 mit seiner unverwechselbaren Holzkarosserie in Erinnerung. Die fanden sich in jenen Jahren nur allzu oft in der Werkstatt.

Doch nicht nur Karossen wurden zu jener Zeit in der Stellmacherei gefertigt. Auch Möbel, sogar Kuhtröge und vieles andere mehr entstanden hier. Bei meinem Vater reifte – schon als er aus Remscheid zurückkehrte – die Erkenntnis, dass die Verarbeitung von Holz im Auto auf Dauer keine Zukunft haben würde.

Er sah das Metall im Kommen. Und tatsächlich reduzierte sich der Holzverbau in Neufahrzeugen immer weiter. Ab dem P 70 und dann P 50 wurde überhaupt kein Holz mehr verwendet. Metall und Kunststoff hatten gegenüber dem Holz viele Vorteile aufzuweisen.

Diese Umstellung hatte natürlich auch für den Arbeitsablauf in den Karosseriewerkstätten erhebliche Konsequenzen. Trotz der vielen Arbeit, die mein Vater mit der Werkstatt hatte, erinnere ich mich – wie meine Geschwister übrigens auch – gern an meine Kindheit zurück. Nicht nur, dass die Werkstatt schnell zu meinem zweiten Zuhause wurde. Vater nutzte die Gegebenheiten, um auch für uns Kinder was zu tun. Dabei spielte seine Vorliebe fürs Wasser natürlich eine große Rolle.

Oft wunderten Mutter und wir uns, wo Vater denn nur bleibt, wenn das Abendessen auf dem Tisch stand. Klammheimlich hatte er in der Werkstatt ein Kajütboot gefertigt, das dann mit zum Plauer See kam, wo unser „Bungalow“ stand. Dieser war ein fertiggestellter Schaustellerwagen, der nie vom Auftraggeber abgeholt wurde. Uns bot dieses Teil für viele Jahre eine günstige Gelegenheit, direkt am See schöne Wochenenden und auch Ferien zu verbringen.

Bevor meine Eltern dann Ende der 50er Jahre das Grundstück kauften, verkauften sie das Boot und auch den Wohnwagen. Fast erübrigt es sich, zu sagen, dass Vater die Möbel für unser neues Heim in der Hermann – Lutz – Straße, gemeinsam mit dem Möbeltischler Willi Richter noch in der alten Tischlerei, selbst gefertigt hat.