2.6.0.3_0, 2018-06-12 00:06:20

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In der Hermann-Lutz Straße.

In der Hermann-Lutz Straße.

In den ersten Jahren befand sich Vaters Betrieb noch in der ehemals Rump’schen Werkstatt. Gewohnt haben wir damals im Lindengang. Ende der 50er war das Haus
aber für unsere kräftig gewachsene Familie zu klein. So kauften meine Eltern das Grundstück in der Hermann – Lutz – Straße 22, in der damals erst im Entstehen befindlichen Siedlung. Auf diesem Grundstück stand der Rohbau für ein Wohnhaus, Hannes Wölk hatte ihn begonnen, er verstarb aber während des Baus. Das ebenfalls erst neu errichtete Stall- und Garagengebäude wurde später zur Werkstatt umgebaut.

Die verantwortlichen Entscheidungsträger der Stadt haben den neuen Standort für die Werkstatt in der Hermann-Lutz-Straße (ein ausgewiesenes Wohngebiet) problemlos zugelassen. Auch hierfür gab es ein stichhaltiges Argument: Der Fahrzeugbestand wuchs durch Neuzulassungen und die alten Autos waren, wie schon beschrieben, nicht gerade im besten Zustand. Dadurch waren natürlich auch immer höhere Reparaturkapazitäten gefragt.

Als die Werkstatt fertig gestellt war und ihren Betrieb aufnehmen konnte, ging der Standortwechsel sehr ruhig ab. Wegen der klammen Kasse gab es keine größere Feier, es lief ohne großes Aufsehen, und so war der Umzug von der Bergstraße ein fließender Prozess. 1961 hat die Werkstatt ihren Betrieb aufgenommen.

Durch die Verlegung des Standortes verbesserten sich die Arbeitsbedingungen erheblich. Die neue Werkstatt war von vornherein so konzipiert, dass genügend Platz vorhanden war, um die Maschinen sowohl für Holz- als auch für Metallarbeiten unterzubringen. Sogar H6 Busse hätten darinnen ihren Platz gefunden.

Diese Busse wurden dann aber nicht mehr repariert, weil sie durch Ikarus-Busse ersetzt worden sind. Zudem lag der Schwerpunkt nun auf der Reparatur von Pkw. Klaus Rump, der inzwischen auch den Meisterabschluss in der Tasche hatte, führte die Holzarbeiten in seiner Werkstatt aus. Alles, was an Blecharbeiten zu tun war, wurde in Vaters Werkstatt erledigt. Die Fahrzeuge trugen damals Namen wie: P70, P50, P60, F9, Wartburg 311 und 312.

So, wie mein Vater es vorausgesehen hatte, ersetzten Metall und Kunststoff die Holzkarosse. Während früher komplette Karosserien aus Holz neu aufgebaut wurden, wurden nun die Metallteile ersetzt. Natürlich bewegten wir uns nicht im luftleeren Raum, hatten unsere Partner für Fremdleistungen. Da war z.B. der Sattlermeister Hartwig Protz in Birkenfelde, der die Polsterung und das Einziehen der „Himmel“ ausführte. Auch mit dem KIB arbeitete Vater sehr eng zusammen.

Im KIB wurden die Fahrgestelle repariert, und unsere Werkstatt trug Sorge dafür, dass wieder eine ordentliche Karosse draufkam. Die Metallarbeiten erforderten natürlich den Einsatz von Fachkräften. Die ehemaligen Stellmacher Heinz Pfeiffer und Alfons Hensel stellten sich später als hervorragende Karosseriebauer heraus.

Von großer Bedeutung für das dauerhafte Bestehen des Betriebes waren die Verträge mit dem „IFA Automobilwerk Eisenach“ und dem „VEB Sachsenring – Automobilwerke Zwickau“. Diese Verträge schufen schon in den frühen 60er Jahren dieGrundlage, dass Vaters Betrieb überhaupt existieren konnte, denn der Großteil der Fahrzeuge auf den Straßen hieß nun Trabant und Wartburg. Nur als Vertragspartner durfte eine Werkstatt z.B. Ersatzteile beziehen, ohne die ein Aufrechterhalten der Betriebstätigkeit unmöglich gewesen wäre. Also ging Vater schon in den frühen 60ern eine feste Bindung mit den Autowerken in Zwickau und Eisenach ein.

Die Verträge, die immer wieder erneuert und z.T. auch verändert wurden, legten die Rechte und Pflichten als sogenannte „Vertragswerkstatt“ für die Marken „Trabant“ und „Wartburg“ fest. Eigenen Einfluss auf die Vertragsgestaltung hatte Vater übrigens überhaupt nicht, denn es waren Standardausführungen, wie sie mit hunderten anderer Werkstätten in der ganzen Republik geschlossen wurden. Interessant ist, dass sich fast alle Paragrafen beider Verträge den Pflichten meines Vaters widmeten und den Sanktionen, die ihn erwarten würden, sollten Verstöße gegen den Vertrag erfolgen.

Für jeden Verstoß gegen den Vertragsinhalt war (vielleicht zur Abschreckung) auch gleich die Höhe der Sanktionen festgelegt...

1967 wurde ich eingeschult. Die Goetheschule II war nun Vormittags für mich angesagt. Ich schöpfte mein Leistungspotenzial wohl nicht immer so aus, wie es sich die Lehrer vorstellten. Für mich waren Autos interessanter. Meine erste Lehrerin, Frau Becker sagte des öfteren zu mir: „Du wirst mal Müllkutscher!“...

Naja, zur damaligen Zeit wusste ich noch nicht, dass einige meiner Lehrer später bei mir Autos kaufen würden. Sie selbst natürlich auch nicht... So sind gerade diese Begegnungen immer wieder etwas Besonderes für mich. Auch ehemalige Schulkameraden zählen heute zu meinen Stammkunden.

Bis Ende der 60er Jahre ist Vater alle zwei Monate mit seinem Wartburg zum Ersatzteilauslieferungslager nach Magdeburg gefahren. Eigens dafür hatte er einen großen Anhänger gebaut. Es war nicht einfach, an die gefragten Teile heranzukommen, aber er kam immer voll beladen zurück. Bei mir war die Freude schon als Kind immer groß, wenn ich ihn auf diesen Reisen begleiten konnte. Anfang der 70er eröffnete in Blumenthal eine Außenstelle des Magdeburger Ersatzteillagers, was uns transportseitig viel Zeit und Kilometer ersparte.

Es fügte sich, dass Pritzwalk einen sehr rührigen Sportlehrer hatte, unseren Nachbarn Hans-Herbert Mattern. Ihm waren nicht nur Ordnung und Disziplin, Pünktlichkeit, Einsatzbereitschaft und solche Tugenden wichtig, nein er dachte selbst auch darüber nach, wie er Bildung, Erziehung und Körperertüchtigung in jenen Jahren verbessern konnte. Durch seine Bemühungen bekam die Goetheschule II damals ein Schwimmbecken. Für den Sportunterricht entwickelte Hans-Herbert Mattern ein „Multifunktionsgerät“, das später in der gesamten Republik für Aufsehen sorgte.

Sogar das Fernsehen fand den Weg nach Pritzwalk, um diese, seinerzeit revolutionäre Entwicklung zu filmen. Der Prototyp dieses Gerätes entstand in Vaters Werkstatt. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass der Betrieb meines Vaters weit mehr leistete, als Autos zu reparieren.

An Wochenenden legten dort auch versierte Handwerker selbst Hand an, um dieses oder jenes zu basteln. So erinnert sich der ehemalige Getränkegroßhändler Heidinger noch gut daran, wie er dort PKWAnhänger baute. Sogar die „Weißen Mäuse“ fanden sich hin und wieder in der Werkstatt ein, um Reparaturen auszuführen.

An diese Zeit kann ich mich selbst noch gut erinnern. Vater bekam die Verträge zugeschickt, unterzeichnete sie, sandte sie an die beiden Vertragspartner und bekam dann ein Exemplar zurück. Der Abschluss kam also ohne jeglichen Schmuck zustande, der dieser Unterzeichnung ob seiner Bedeutung für Vaters Werkstatt angemessen wäre.

In den 70er Jahren war ich selbst schon längst aufs Engste mit dem Kfz-Gewerbe verbunden. Von Kindesbeinen an war die Werkstatt mein Revier. Mein Vater hat seinen Teil dazu beigetragen, indem er mich schon als Kind in die Werkstatt mitnahm.

Er bastelte mir eine kleine Werkbank mit einem kleinen Schraubstock drauf und so konnte ich mich schon in jungen Jahren selbst an allem Möglichen ausprobieren. Autos faszinierten mich schon sehr früh, und so verbrachte ich einen Großteil meiner Freizeit damit, bei der Arbeit zuzuschauen, später dann selbst mit Hand anzulegen.

Zu meinen Freunden aus der Hermann- Lutz-Straße zählten damals unter anderem René Kolodzij und Ralf Kenn. Ralf besaß einen SR 1, da montierten wir hinten einen Handwagen dran, und ich kletterte rein in die Kiste. Was hatten wir Freude. Ich weiß nicht, wie oft, aber mindestens einmal im viertel Jahr musste das Moped in die Werkstatt, um die Folgen unserer manchmal waghalsigen Touren zu beseitigen.

Natürlich bastelten wir selbst daran... Mit etwa 13 – 14 Jahren wechselte ich schon selbstständig Kotflügel und Türen beim Trabant.

Während meine Freunde mich zum Spielen abholen wollten, schraubte ich lieber an den Autos in Vaters Werkstatt rum. Das bereitete mir viel Spaß und so stand mein Berufswunsch schon früh fest. Ich hatte in der Werkstatt nicht nur während meiner Kindheit große Teile der Freizeit verbracht, sie sollte auch meine berufliche Heimat werden.

Also absolvierte ich nach der zehnten Klasse von 1976 bis 1978 meine Berufsausbildung bei Rudolf Friese, in Wusterhausen. Rudolf Friese gehörte derzeit eine Stellmacherei, in der viele verschiedene Holzarbeiten ausgeführt wurden. Sehr gefragt war selbstverständlich auch hier der Bereich PKW-Karosseriebau. Rudolf Friese hatte einst mit meinem Vater gemeinsam seinen Meisterlehrgang gemacht. Seither verloren sich beide nicht aus den Augen und weil Vater nicht wollte, dass ich bei ihm selbst meine Berufsausbildung machte, kam ich nach Wusterhausen. Hier wusste Vater mich für die Praxis in guten Händen.

Als ich die Ausbildung bei ihm begann, fragte der Meister mich, warum ich überhaupt noch ne Lehre im Karosseriebau mache. Ich konnte Schweißen und die verschiedenen Maschinen bedienen, hatte also einen Großteil dessen was ich lernen sollte bereits intus… Und dennoch gab es viel Neues für mich, Interessantes, es war ne schöne, wirklich lehrreiche Zeit damals.

Oftmals landeten in dieser Werkstatt solche Fahrzeuge, die kein anderer mehr angefasst hat. Durch den hohen Schwierigkeitsgrad der Aufgaben habe ich natürlich sehr viel gelernt. Auch Holzboote u.a. wurden zur Reparatur geliefert. Ich erinnere mich auch noch gut daran, dass wir dort aus zwei unbrauchbaren Ikarus-Bussen – einer war vorn kaputt, der andere hinten – wieder einen Fahrtüchtigen machten. Das war keine leichte Sache, aber letztlich haben wir’s hingekriegt.

So erhielt ich eine recht intensive und vielseitige praktische Berufsausbildung. Die Theorie lernte ich auf der Berufsschule in Lehnin zwischen Werder und Brandenburg. Natürlich kam es auch mal vor, dass ich keine Lust hatte, nach Wusterhausen zu fahren, selten zwar, aber es sei hier nicht verschwiegen. Ein solcher Tag fiel in den Januar 1979.

Der hohe Schnee – glaubte ich – würde mich retten. Ich konnte die etwa 40 km nicht mit dem Zug zu fahren, weil der gesamte Schienenverkehr eingestellt war. Vater aber holte den Wartburg aus der Garage, zog Schneeketten drauf und fuhr mich rüber. So wurde es nichts mit dem freien Tag...

Insgesamt gesehen hat mir die Ausbildung viel Freude bereitet, am meisten natürlich die Praxis in der Werkstatt. Die Wartezeit auf einen neuen PKW betrug damals so um die 12 – 14 Jahre, bei manchen Typen war sie noch länger. Es gab auch Menschen, die überhaupt nicht auf ein einen PKW warten mussten, aber die fuhren dann meistens keinen Trabi...

Und wenn er ihn dann endlich hatte, sollte er verständlicherweise auch möglichst lange halten. So war es nicht verwunderlich, dass die Lebenszeit der Fahrzeuge durch manchmal sogar mehrfachen Neuaufbau auf das Maximum verlängert wurde.

Das hohe Durchschnittsalter der Fahrzeuge hatte zwangsläufig einen erhöhten Reparaturaufwand zur Folge. Es war ein Kreislauf, der nicht zu durchbrechen war. Jedenfalls nicht, solange der Bedarf an Neufahrzeugen nicht gedeckt werden konnte. Und das hatte auf dem Kfz-Markt natürlich seine Folgen.

Erinnern wir uns: Der Gebrauchtwagenhandel war ein einträgliches Geschäft. Das führte so weit, dass ein fabrikneuer PKW, egal welchen Fabrikats, weitaus billiger war, als ein Gebrauchtwagen – das waren noch Zeiten.

1982 beging Vater sein 25jähriges Meisterjubiläum. Wie alle anderen Jubiläen der Firma wurde auch diesmal kein großer Rummel gemacht, eine kleine Feier hat es gegeben. Ein würdiger Anlass – würdig begangen. Vater war kein Freund überdimensionierter Partys.

Nun lebt der Mensch nicht nur vom Brot allein... Das Berufsleben ist nur eine Seite der Medaille, die sich Leben nennt. Zum Glücklichsein bedarf es mehr. Irgendwann, und sei es zu noch so später Stunde, schließt sich die Werkstatttür und es ist Feierabend.

Da tut es gut, wenn man die Zeit zu zweit genießen kann. Ich hatte eine schöne Kindheit und Jugend in meinem Elternhaus, der Familienzusammenhalt war mgroß. Und so fügte es die Zeit, dass auch in mir der Wunsch wuchs, eine eigene Familie mzu gründen.

Es war das Jahr 1981, mals ich meine Angelika kennen lernte. Ihr Vater ist der Schmied Heinz Stiller, der bei Willi Wüst sein Handwerk gelernt hatte und in der PGH Bau tätig war. Wir kamen muns näher, entdeckten uns füreinander. mUnd schon bald wusste ich, sie ist die Richtige für mich. Zwei Jahre waren wir zusammen, als wir uns entschieden, einem Familie zu gründen.

Unsere Trauung fand am 30.9.1983 in Pritzwalk statt. Damit war auch amtlich der Grundstein für unsere Familie gelegt. Zur anschließenden mFeier konnten wir in der Hainholz-Gaststätte viele Gäste begrüßen. Am 16.5.84 brachte meine Frau unseren Sohn Marc mzur Welt, Tochter Laura machte die Familie zehn Jahre später komplett, über beide wird noch zu reden sein...

Natürlich hatten wir den Wunsch, zusammenzuwohnen. Aber wo? Die Wartezeiten für die Bereitstellung von Wohnraum waren lang. Nicht so lang, wie für ein neues Auto, aber es kamen schon ein paar Jahre zusammen. So machten wir aus der Not eine Tugend und haben uns das kleine Häuschen in der Putlitzer Straße 16 um und ausgebaut.

Im Volksmund wurde es nur das „Hexenhaus“ oder „Rattenvilla“ genannt, weil es so winzig war. Aber wir hatten was Eigenes, das war, was zählte. Aller Anfang ist schwer...

Den Facharbeiterbrief in der Tasche ging ich meiner Arbeit mit viel Freude nach.

Immer wieder drängte Vater mich, doch auch meinen Meisterabschluss zu machen. Ich war nicht gerade sehr angetan von diesem Gedanken, wusste ich doch, welch immenser Zeitaufwand sich dahinter verbarg.

Jedes Wochenende würde ich unterwegs sein, fort von meiner inzwischen gegründeten Familie. Irgendwann hatte Vater mich dann doch so weit, dass ich mich für den Meisterlehrgang anmeldete. Das erste Jahr – den sogenannten A-Lehrgang – absolvierte ich in Pritzwalk.

In den Jahren 1985 und 86 war ich Freitags bis Sonntags immer in Leipzig, wo die theoretische Ausbildung stattfand. Übernachtet habe ich bei meiner Schwester Angelika.

Mein Meisterstück war die Anfertigung einer A-Säule, eingebunden in die Reparatur des Totalschadens eines PKW Trabant 601. Also eine wirklich praxisnahe Übung, denn wie gesagt, solange ein Auto zugelassen war und auch nur der kleinste Funke Hoffnung bestand, dass es wieder repariert werden könnte, solange wurde auch darin auch investiert.

Es gab ja keine Alternative – noch nicht –. Meinen Meisterbrief erhielt ich am 7. Oktober 1986, dem damaligen „Tag der Republik“. In der begleitenden Hausarbeit wurden alle einzelnen Arbeitsschritte (einschließlich der – staatlich vorgegebenen – Preisangaben) beschreiben.

Aus heutiger Sicht erscheint die Preisangabe vielleicht etwas ungewöhnlich, aber damals war es so, dass für alle Vertragswerkstätten die gleichen Preise galten. In einem genau vorgegeben Katalog war jeder Arbeitsschritt genormt und mit einem Festpreis versehen.

Hin und wieder wurde der gewohnte Werkstattalltag durch Episoden begleitet, die unvergessen bleiben werden. Es war Mitte/Ende der 80er Jahre, als sich auf dem Sommersberg ein Verkehrsunfall ereignete, in den auch der damalige Fernsehkoch Kurt Drummer verwickelt war.

Sein Weg sollte ihn eigentlich ins Studio nach Adlershof führen, um dort eine Sendung aufzuzeichnen. Er hatte das ganze Auto voll Fisch und bat uns innigst, sein Auto wieder fahrbereit zu machen, damit er den Termin nicht verpasse. In der Zwischenzeit wolle er für die Familie und das Werkstattteam eine leckere Mahlzeit zubereiten. Gesagt – getan.

Sein Wartburg wurde repariert und der Starkoch machte sich in unserer Küche zu schaffen.

Meine Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie anschließend in die Küche kam. Hier sah es inzwischen aus, wie nach einer großen Schlacht. Alles schwamm, das Unterste war zu Oberst, das blanke Chaos. Die Aufräumarbeiten überdauerten die Reparatur seines Autos um vieles...

Dafür wurden wir reichlich entschädigt, Drummer hatte ein Essen vom Feinsten gezaubert, mit Fischbuletten, gekochtem und gebratenem Fisch und allem drum und dran. Obendrein schenkte er meiner Mutter eines der von ihm geschriebenen Kochbücher. Dieses hat noch heute seinen Platz im Hause und immer wenn es uns mal in die Hände fällt, kehren die Erinnerungen wieder.

Mit einem Grund zu großer Freude ging 1988 für meinen Vater ein Traum in Erfüllung. Endlich bekamen wir die staatliche Genehmigung zum Wiederaufbau eines Barkas B 1000, den wir schon längere Zeit neu aufbauen und nutzen wollten, um die Ersatzteile aus dem Lager in Blumenthal zu holen. Wir hatten lange warten müssen, um die Aufbau-Genehmigung zu bekommen.

Aus lauter Ersatzteilen, die wir über zwei Jahre lang gesammelt hatten, bauten wir ein praktisch neues Auto. Nachdem ich 1989 das erste Mal in die damalige BRD reisen durfte, hab ich dort auf einem Schrottplatz aus einem Auto das Radio der Marke Blaupunkt gerettet und war überglücklich. Schnell hatte die Zeit uns dann jedoch eingeholt...

Der Barkas lief noch bis 1991. Vater hatte viel erreicht: Immer war ihm eine intakte Familie wichtig, und er führte seine eigene Kfz-Werkstatt, mit kompetenten Kollegen besetzt, über dreißig Jahre lang.

Wer jene Zeit miterlebt hat, weiß, wie schwer es war, sich als kleiner Privatunternehmer gegen alle Missstände zu behaupten.

Leider ergriff im Jahre 1987 eine schwere Krankheit Besitz von meinem Vater. Der anfänglichen Hoffnung auf seine Genesung wich nach und nach die Ernüchterung und die Einsicht, dass er nicht mehr geheilt werden konnte. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich immer weiter.

Im Frühjahr ’89 hat mein Bruder Mike die Republik über Ungarn verlassen und schnell im VW-Werk Wolfsburg Arbeit gefunden. Meine Schwester Jeanette gelangte wenig später über die Prager Botschaft in die BRD.

Als ich dann Mitte 1989 besuchsweise rüber fuhr, hatte Vater natürlich so seine Bedenken. Ich blieb zwei Tage länger, als es das Visum eigentlich zuließ, hatte aber keine ernsthaften Gedanken wirklich dort zu bleiben.

Ich hatte ja meine Frau Angelika und unseren gemeinsamen Sohn zuhause. An der Grenze hat bei der Wiedereinreise in die DDR niemand etwas zu meiner verspäteten Rückkehr gesagt.

Nunja, zu der Zeit, als tausende Menschen nach Möglichkeiten suchten, die DDR zu verlassen, waren die „bewaffneten Organe“ damals vielleicht froh, dass man überhaupt zurückkehrt.

Damals ahnte ich nicht, dass bald schon niemand mehr ein Visum brauchen würde, um gen Westen zu reisen. Am 9.11.89 stand ich abends in der Werkstatt und schweißte an einer Trägergruppe, Vater war im Haus mit Schreibarbeiten beschäftigt.

Da hörte ich aus dem Radio die Meldung vom Fall der Mauer. Ich ging rein zu Vater, wir schalteten den Fernseher an und bekamen Gewissheit.

Immer und immer wieder wurden auf sämtlichen Kanälen die berühmt gewordenen Worte von Günter Schabowski gesendet. Bald folgten auch die ersten Aufnahmen von den Grenzübergängen.

Schon am frühen Morgen des nächsten Tages holten wir uns den zunächst noch nötigen Ausreise-Stempel von der Polizei. Ich fuhr mit 10 Freunden und Bekannten am Samstag nach Hamburg. Dort sahen wir Bilder, die nie verloren gehen, erlebten Episoden, die unvergessen bleiben werden...

Der Gesundheitszustand meines Vaters verschlechterte sich weiter. Er wünschte sich sehr, dass ich seinen Betrieb fortführen sollte. Wir führten so manches Gespräch darüber, wie die Zukunft der Werkstatt aussehen sollte. Mit dem Fall der Mauer eröffneten sich plötzlich ungeahnte Möglichkeiten.

Nun hieß es, neue Wege zu suchen, um sich am Markt etablieren und behaupten zu können. Die Neuorientierung war kein einfacher Prozess. Schon mit Beginn des Jahres 1990 suchte ich nach gangbaren Wegen, um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern. Aber wer kannte sich damals schon mit den gesetzlichen Bestimmungen nach Bundesrecht aus?

Viele Fragen waren zu klären: Wer und wo waren die richtigen Ansprechpartner? Wer konnte Hilfestellung geben? Wer meinte es auch wirklich ehrlich? Eine ebenso interessante wie lehrreiche Zeit für mich begann. Nur eines war mir klar: wohin der Weg gehen sollte.

Schnell hatten sich zwischen Winsen/Luhe und Pritzwalk partnerschaftliche Beziehungen entwickelt. So lenkte auch ich, begleitet von meinem Vater, Anfang 1990 meine Schritte dorthin, um erste Kontakte zu knüpfen. Unser Hauptziel war, in Erfahrung zu bringen, wie die Führung eines Autohauses aussieht, welche Schritte bis dahin zu gehen sind, und ob wir Partner für diesen Weg finden.

Die Firma Wolperding war in diesem ganzen Prozess sehr wertvoll für mich und die Neuausrichtung des Betriebes. Diese Firma war Vertriebspartner für Audi/VW und half mir in jener Zeit wirklich sehr. Von dort erhielt ich die ersten Autos, qualifizierte Schulungen über die Fahrzeuge, auch die erforderliche Technik, Volkswagen/Audi – Fahnen und Schilder und vieles andere.

So wehten auf unserem Grundstück in der Hermann – Lutz – Straße 22 alsbald die Fahnen von VW/Audi und ich stellte zum Verkauf bestimmte Gebrauchtfahrzeuge der genannten Marken aus. Es sah auf dem Grundstück zu jener Zeit schon so aus, als wären wir bereits Vertragspartner von Volkswagen/Audi, aber bis dahin war es noch ein langer Weg.

Der Bedarf an Fahrzeugen war groß, hatte doch die lange Wartezeit auf einen PKW nun ihr Ende gefunden. Schnell war mir klar geworden, dass meine Frau bei der Gründung und Führung eines Autohauses unentbehrlich sein würde. Für mich stand fest, dass wir dieses Vorhaben nur gemeinsam durchziehen konnten.

So sprachen wir über die Möglichkeiten und Risiken einer gemeinsamen beruflichen Zukunft. Wir fanden recht schnell einen gemeinsamen Nenner. Daraufhin gab Angelika ihre bisherige Arbeit in der BHG-Bank auf und ich stellte sie bei mir ein, damit die Buchhaltung nicht mehr auf meinem Tisch lag. Aber nicht nur die Buchhaltung allein war ihre Aufgabe.

Angelika hatte an allen Ecken und Enden ihre Finger mit im Spiel. Da waren jeden Tag 1000 kleine aber wichtige Dinge zu erledigen, die einfach zum Geschäft dazugehören. Selbst größere Aufgaben schreckten sie nicht ab. So fuhr meine Frau schon damals jede Woche einmal nach Winsen/ Luhe, um Ersatzteile für Kunden zu holen.

Etwa zur gleichen Zeit holte ich mir den ersten Schlosser, Klaus Köpke von der „PGH Gute Fahrt“ in den Betrieb. Erfahrene Fachkräfte von der Firma Wolperding schulten ihn in Winsen/Luhe.

Liebe Leserinnen und Leser, Sie werden es gemerkt haben, die letzten Zeilen künden davon, dass ich jetzt selbst die betrieblichen Entscheidungen traf und die Verantwortung dafür trug. Dies hat seine Berechtigung, denn mitten hinein in die Zeit des Aufbruchs geschah, was sich lange anbahnte und dennoch nicht verhindern ließ:

Der Kreislauf des Lebens schloss sich für meinen Vater. Eine schwere Zeit lag hinter ihm und seiner ganzen Familie, als er am 18. Juni 1990 von uns ging. Er schloss seine Augen in der Gewissheit, dass ich alles daran setzen werde, das, was er einst aufgebaut hatte, fortzuführen. Und die Zeit im Land war reif für Veränderungen, ein halbes Jahr vorher war die innerdeutsche Grenze Geschichte geworden...

Mit dem ersten umgetauschten Geld kauften wir uns einen T3 und einen Golf II. Damit fuhr Angelika wöchentlich nach Winsen/Luhe, um von dort Autoteile zu holen. Hierzu muss ich sagen, dass sie gelernte Fleischverkäuferin war, und mit Autos vorher nie zu tun hatte.

Die Schlosser drückten ihr irgendwelche Teile in die Hand und sagten: genau so eins brauchen wir. So lernte sie binnen kurzer Zeit sehr viel Neues.

Es ist für manchen Fahrer schon eine Herausforderung überhaupt mit einem Transporter zu fahren. Noch dazu ohne Servolenkung und mit voller Last auf der Vorderachse, weil gleich hinter den Sitzen alles vollgepackt war. Diese Last drückte natürlich voll auf die vordere Achse, was das Lenken des Fahrzeugs obendrein erheblich erschwerte.

Und das, wo meine Frau vorher kaum Auto gefahren war. Einmal kam sie zurück und meinte der Transporter sei kaputt. Schweißnass schimpfte sie: „Der lässt sich gar nicht mehr lenken!“ Als er dann entladen war, haute auch die Lenkung wieder hin...

Das sind so Erinnerungen, die meine Frau und ich wohl nie vergessen werden. Ebenso,wie die Gedanken daran, dass es in der ersten Nachwendezeit äußerst problematisch war, in die BRD anzurufen. Die ganzen Gespräche liefen doch damals noch über’s Fernamt, und mussten Stunden vorher angemeldet werden.